Gegen die Nein-Gesellschaft und für mehr Krieg

von Stefan Evertz am 09.02.14 um 23:23 Uhr |

A knight's tale Ich weiß nicht mehr, wo ich über den Gedanken gestolpert bin, dass Kriege die wahren Innovationsmotoren sind: Es gibt technische Fortschritte, es verändern sich geographische und wirtschaftliche Verhältnisse und auch gesellschaftliche Veränderungen beginnen oft in Kriegen – oder zumindest ändern sich gesellschaftliche Strukturen (temporär) während eines Krieges. Ein ziemlich plausibler und durchaus faszinierender Gedanke, zumindest was die Mechanik dahinter betrifft. Was aber passiert in Friedenszeiten? Nichts. Oder schlimmeres.

Denn in Friedenszeiten scheinen die Besitzstandwahrer zu übernehmen – die konservativen, gegen die Veränderung gerichteten Akteure. Wer schon mal erlebt hat, wie Hierarchien sich an Innovation versuchen, versteht, was ich meine. Egal ob Verbände, Behörden oder größere Firmen: Es gibt überall die „Provinzfürsten“, denen es mehr um Machterhalt und Besitzstandwahrung geht, als um ihre eigentliche Aufgabe in der jeweiligen Organisation. Denn sie haben erkannt, dass jedwede Veränderung auch ihren Status Quo gefährdet. Und so entstehen – oft auch erleichtert durch mangelnde Kontrolle – eigenständige Systeme, die im Grunde genommen nur versuchen, sich selbst zu erhalten.

Nur so kann ich mir erklären, warum man heutzutage auf soviel Ablehnung und Negativhaltung stösst. Es ist halt einfacher, etwas mit einem Nein abzulehnen, statt konstruktive Vorschläge zu machen – das würde ja auf Veränderung hinauslaufen. So passiert es mit dem aufkommenden Internet, das erst von vielen Akteuren ignoriert wurde, um es dann nach Möglichkeit mit den vorhandenen Strukturen und Konzepten wieder einzufangen und zu kontrollieren. Ähnlich sieht es mit ernstzunehmenden Formen der Bürgerbeteiligung aus: Wer sich die Regeln für Bürgerbegehren anschaut, merkt schnell, dass es einfacher ist, in das jeweilige Parlament gewählt und möglicherweise sogar an der Regierung beteiligt zu sein als ein erfolgreiches Bürgerbegehren zu realisieren. Wirkliches Interesse an einer Einbindung des Wählers sieht jedenfalls anders aus.

Ein großer Irrglaube scheint auch darin zu bestehen, dass man stattfindende Veränderungen in den Griff kriegt, in dem man sie erst mal ablehnt. Im Zeitalter der Globalisierung z.B. noch ernsthaft Zuwanderung kontingentieren zu wollen (wie gerade in der Schweiz beschlossen, lesenswerter Kommentar dazu bei Clemens M. Schuster) geht an der Realität meines Erachtens vorbei. Und ähnlich wie in Deutschland werden „die Ausländer“ auch den Schweizern keine Jobs wegnehmen – sie machen im Zweifelsfall eher die Jobs, die sonst keiner machen will. Aber wie reagieren Menschen auf derartige populistischen Argumente? Mit Ablehnung – leider nicht gegen die argumentierende Instanz.

Und auch wenn ich mich weiterhin weniger ärgern möchte, merke ich doch, dass es immer wichtiger wird, sich zu wehren – um all diesen oft nicht undurchdachten „Neins“ zu begegnen und die an vielen Stellen so wichtigen Veränderungen zu ermöglichen. Und natürlich will ich keinen Krieg – ich muss keinen Krieg erlebt haben, um zu wissen, wie schrecklich er ist. Aber wenn schon der Innovationsmotor Krieg nicht in Frage kommt, kann es aber vielleicht ein wenig mehr Widerstand sein – z.B. gegen die Bestandswahrer und Provinzfürsten. Lasst uns anfangen und machen – und nicht einfach nur meckern.

Photo credit: downhilldom1984 via photopin cc

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14 Gedanken zu „Gegen die Nein-Gesellschaft und für mehr Krieg

  1. Henning, Stuttgart

    Ich denke, ich weiß, in welche Richtung du willst, aber ein wenig widersprüchlich ist dein Eintrag schon.

    „Aber wenn schon der Innovationsmotor Krieg nicht in Frage kommt, kann es aber vielleicht ein wenig mehr Widerstand sein.“

    Gleichzeitig sprichst du dich gegen das oft anzutreffende Nein bei Veränderung aus. Doch Widerstand und Nein sind eng beisammen. Wenn beispielsweise Netzsperren eingeführt werden sollen, bin ich froh, dass viele Nein sagen und es viel Widerstand dagegen gibt. Wobei du wahrscheinlich das Internet als „Ja“ siehst und die Netzsperren als Nein dagegen. Aber das kann man eben so und so sehen. In der Schweiz bedeutete ein Ja ja auch ein Nein zu Ausländern.

    Neues ist nicht immer gut und Nein nicht immer schlecht. Wie gesagt: Ich denke, ich weiß, in welche Richtung du mit deinem Beitrag willst, aber der Text an sich ist doch ziemlich widersprüchlich.

    1. Stefan Evertz Artikelautor

      Danke für den Hinweis – an der Stelle ist das in der Tat ein ungewollter Widerspruch. Habe jetzt mal ergänzt, gegen wen sich der Widerstand richten könnte: Gegen die Bestandswahrer und Provinzfürsten.

  2. Hans Müller

    Sie haben die Situation in der Schweiz nicht verstanden.

    1. Es ist überhaupt nicht ähnlich wie in Deutschland. Rechnen sie grob mit dem Faktor 10.

    2. Es geht vor allem um den Platz, weniger um die Jobs. Daneben geht es auch noch um die Selbstbestimmung.

    3. Sie schreiben, als wäre es normal, überall einfach so arbeiten zu können. Stimmt nicht, das geht nur innerhalb der EU. Sonst kommt mir gerade kein weiteres Beispiel in den Sinn. Kennen sie eines?

    4. Werden sie sich bitte bewusst, dass EU-Logiken ausserhalb der EU nicht gelten und weltweit auch nicht bekannt sind. Das ist zu akzeptieren.

    1. Henning, Stuttgart

      @Hans Müller

      „1. Es ist überhaupt nicht ähnlich wie in Deutschland. Rechnen sie grob mit dem Faktor 10.“

      Falsch. Die Schweiz hat 23 % Ausländer, Deutschland etwa 10 %. Würde man nur die zählen, die aus einem anderen Sprachraum kommen, wäre der Unterschied übrigens noch viel kleiner. Faktor 10 scheint vielleicht der „gefühlte“ Ausländerfaktor zu sein (wären übrigens 100 %, wenn man die 10 % von Deutschland verzehnfacht).

      „2. Es geht vor allem um den Platz, weniger um die Jobs. Daneben geht es auch noch um die Selbstbestimmung.“

      Inwiefern Selbstbestimmung? Die des Individuums wird durch die Entscheidung jedenfalls reduziert.

      „3. Sie schreiben, als wäre es normal, überall einfach so arbeiten zu können. Stimmt nicht, das geht nur innerhalb der EU. Sonst kommt mir gerade kein weiteres Beispiel in den Sinn. Kennen sie eines?

      4. Werden sie sich bitte bewusst, dass EU-Logiken ausserhalb der EU nicht gelten und weltweit auch nicht bekannt sind. Das ist zu akzeptieren.“

      3 und 4 beantworte ich zusammen: Die Schweiz hat Abkommen mit der EU geschlossen, die genau diese Dinge regeln. Die Schweizer haben ja ebenso Rechte bekommen. Die Schweiz will ja nicht in der EU, hat aber anscheinend dennoch Interesse an einigen der Vorteile, z.B. dass Schweizer einfach so nach Deutschland kommen können. Nur die Vorteile für sich rauspicken, wird aber nicht funktionieren. Zumal man sich damit auch wirtschaftlich eher ins Knie schießt. Aber zu den Punkten 3 und 4: Wenn man sowas wechselseitig(!) vereinbart hat, ist es normal, dass man sich dran hält.

  3. Droid Boy

    Hmn, da musste ich hart schlucken. Denn Krieg ist keine Innovationsmaschine sondern eine Tötungsmaschine. Zu aller erst. Und darum ist jedes weitere Argument, warum Krieg für irgendwas gut sein könnte zu nichte gemacht.

    Aber du hast natürlich insofern recht, das die größten technologischen Sprünge durch Kriege verursacht wurden.

    Dennoch: Die Mondlandung wurde zum Beispiel durch einen kalten Krieg möglich gemacht.
    Und ich glaube, das wir in einer Zeit leben, in der es noch nie so wahrscheinlich war, das ohne Gewalt technologischer als auch gesellschaftlicher Fortschritt möglich ist.
    Nim die Entwicklung des iPhones zum Beispiel.

  4. Stefan Evertz Artikelautor

    Wie schon geschrieben: Die Mechanik dahinter gibt es (scheint mir und auch für den unbekannten Zitatgeber so zu sein), auch wenn Krieg an sich etwas schlimmes ist. Ich will auch nicht ausschließen und hoffe auch weiterhin, dass in Friedenszeiten Veränderungen möglich sind.

  5. Berthold

    Ganz schön polemisch, Herr Evertz 😉

    Zufällig habe ich vor Kurzem darüber nachgedacht, die Verbesserungsmechanismen die wir im unternehmen einsetzen um uns ständig zu verbessern auch für lokalpolitik zu nutzen. Erster Schritt wäre meinen Stadtteil zusammenzutrommeln, Beschwerden zu sammeln, zu priorisieren und anschliessend über Lösungen zu diskutieren und Beschlüsse zu fassen. Dann mit den Beschlüssen auf den Lokalpolitik zuzugehen und gebündelte Forderungen zu stellen. Lobbying aus der Bevölkerung quasi. Bin gespannt ob und wann ich dafür die Zeit erübrigen kann.

  6. Petra

    Um mal auf die Schweizer einzugehen: Du schreibst:

    „Und ähnlich wie in Deutschland werden “die Ausländer” auch den Schweizern keine Jobs wegnehmen – sie machen im Zweifelsfall eher die Jobs, die sonst keiner machen will.“

    In CH ist es sogar so, dass etliche Ausländer die Jobs machen, die in der Schweiz niemand machen KANN. Es werden nämlich vermehrt Fachkräfte in höheren Managementpositionen von „draußen“ eingestelllt, weil die Firmen keine geeigneten Schweizer finden. Klingt komisch, ist aber so.

    Und mich wundert das auch nicht wirklich, wenn ich mir das Schweizer Schulsystem anschaue: da ist nämlich nach der 9. Klasse Schluss. Aufs Gymnasium gehen nur rd. 10% aller Schüler, weil dazu eine relativ schwierige Prüfung bestanden werden muss. Alle anderen gehen zur Berufsschule bzw. machen eine Ausbildung.

    Würde man z.B. alle Deutschen aus der Schweiz werfen, könnten diverse Firmen dicht machen. Iraner, Inder, Amerikaner, Deutsche als Mehrheit und nur ganz wenge Einheimische z.B. in Pharmafirmen sind keine Seltenheit. Und das sage ich nicht einfach so, das weiß ich aus erster Hand.

    Und wenn ich dir in Bezug auf deine These im Prinzip auch recht geben muss: Einen Krieg wäre mir die Abkehr vom Konservativismus dann doch nicht wert. Es muss andere Möglichkeiten geben, irgendeine größere Challenge, um den Nein-Sagern auf die Sprünge zu helfen. Hoffe ich jedenfalls sehr.

    1. Stefan Evertz Artikelautor

      Bin da ganz bei dir – und nichts ist einen Krieg wert. Mir ging es da wirklich nur um die Mechanik bzw. um die Bedeutung von Veränderung und Anpassung. Denn das ist etwas, dass offenbar ohne äußere Einflüsse nur sehr zögerlich passiert.

  7. Droid Boy

    Heraklit schrieb: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien.“

    Was der Krieg aus dir macht, weiß keiner. Willst du riskieren ein Sklave zu werden?

    1. Stefan Evertz Artikelautor

      Liebe Sabine, danke für deine Rückmeldung. Ich bin allerdings weiterhin der Meinung, dass im Text deutlich wird, wie ich die Metapher meine und verstehe und dass ich Krieg kategorisch ablehne. Das alles ändert aber nichts daran, dass wir an vielen Stellen dringend Veränderungen brauchen und das ohne „äußere“ Einflüsse offenbar nur sehr mühsam vorangeht – wenn überhaupt.

  8. Droid Boy

    Ich unterstütze den Antrag zur Änderung der Überschrift. Denn egal was unten im Text steht: Die Überschrift suggeriert, das du für mehr Krieg bist. Das sollte man vermeiden. Man darf zwar in einer Überschrift provozieren, aber du bist nicht die Bildzeitung.

    Vorschlag: Gegen die Nein-Gesellschaft und für mehr „Bewegung“

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