Ordensburg Vogelsang: Mediale Wirrungen um den „Täterort“

von Stefan Evertz am 29.01.07 um 7:56 Uhr |

Es ist immer wieder spannend, wie unterschiedlich (journalistische) Wahrnehmung ausfallen kann. Da ich seit einem ersten Blick auf die Ordensburg Vogelsang (Luftbild bei maps.google.de) im Sommer 2005 (siehe auch „Ordensburg Vogelsang – Noch heute eindrucksvoll (Update)„) die Geschehnisse seit dem Abzug der Belgier verfolge, stiessen bei mir die Zeitungsberichte rund um die im November 2006 „aufgedeckte“ Verwicklung von „Ordensschülern“ in die Massenmorde in Osteuropa während der NS-Zeit auf besonderes Interesse.

Die Aachener Zeitung gab am 23.11.06 unter dem Titel „Auf Vogelsang Massenmörder ausgebildet“ einige eindeutige Zitate wieder (siehe auch www.aachener-zeitung.de/):

Die Eliteschule der Nazis in der Eifel muss nach Expertenmeinung historisch neu bewertet werden. Der auf der ehemaligen „NS-Ordensburg Vogelsang“ ausgebildete Nazi-Führungsnachwuchs war nach aktuellen Erkenntnissen später an Massenmorden im Osten beteiligt.

Das hat eine erste Sichtung des Archivs ergeben, das sich nach Abzug des belgischen Militärs vor einem Jahr im Besitz der Eifelstadt Schleiden befindet. „Eine Bewertung von Vogelsang als Täterort muss neu vorgenommen werden“, sagte der parteilose Bürgermeister von Schleiden, Ralf Hergarten, am Donnerstag.

Die ehemalige Eliteschule der Nazis liegt im Nationalpark Eifel. Vor einem Jahr begann die zivile Nutzung. „Es hat sich herausgestellt, dass fast alle Junker, die auf Vogelsang ausgebildet wurden, später an Massenmorden beteiligt waren“, sagte Hergarten.

Fast alle Junker hätten später als führende Verwaltungsbeamte in der Ukraine maßgeblich an der Ermordung von vielen tausend Menschen mitgewirkt.

Und die Kölnische Rundschau schrieb am 24.11.06 unter dem Titel „Täterort Vogelsang“ (siehe auch www.rundschau-online.de):

Er fand heraus, dass die NS-Ordensburgen (insbesondere Vogelsang und Krössinsee) eine bedeutende Rolle bei der deutschen Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten Osteuropas gespielt haben. Nahezu jeder zweite „Gebietskommissar“ (vergleichbar einem Landrat) im „Reichskommissariat Ukraine“ hatte eine dieser Ordensburgen durchlaufen. Die Tötung der Juden in Osteuropa während der so genannten „zweiten Tötungswelle“ stand in unmittelbarem Zusammenhang mit den „Ordensschülern“. Heinen: „Vogelsang war Täterort. Da wurde die Axt geschärft, die im Osten geschwungen wurde.“

Die Fakten stellten sich dann beim Kölner Stadt-Anzeiger etwas anders dar, als dort am 24.11.06 unter dem Titel „Vogelsang-Junker am Holocaust beteiligt“ folgendes zu lesen war (siehe auch www.ksta.de):

Hatte man bislang angenommen, dass in den Eliteschulen der Führungsnachwuchs des Dritten Reiches zwar ausgebildet wurde, dann jedoch in den Wirren des Krieges nicht mehr an den ihm eigentlich zugedachten Positionen zum Einsatz kam, so wird nun klar, dass es zwischen Vogelsang und dem Holocaust eine direkte, schreckliche Verbindung gab.[…]

Anhand von alten Burgzeitschriften, die so genannte „Sippentafeln“ enthielten, gelang es ihm, nahezu 1500 Namen von „Junkern“ und „Stammführern“ der Ordensburgen Vogelsang und Krössinsee zu ermitteln. „95 Prozent der Burgmannschaft absolvierten eine klassische Militärlaufbahn“, berichtete Heinen. Als „fanatische Soldaten“ hätten die meisten von ihnen hochdekoriert ihr Leben an der Front verloren. „Bei fünf Prozent jedoch stellte ich fest, dass ihnen das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern verliehen worden war.“ Diese Ehrung habe man jedoch nicht für Tapferkeit vor dem Feind, sondern für Kriegsverwaltungseinsätze erhalten. Heinen machte daraufhin eine schockierende Entdeckung: „Vor allem die Stammführer und Junker der Ordensburgen übernahmen führende Funktionen bei der deutschen Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten Osteuropas“. […] „In dieser Funktion waren die Gebietskommissariate mit verantwortlich für die Gettoisierung, Entrechtung und schließlich die Vernichtung der osteuropäischen Juden durch Massenerschießungen im Zuge der so genannten ‚zweiten Tötungswelle'“, berichtete Heinen. Mehrere der aus den Ordensburgen stammenden Nazis würden in Abhandlungen aus der Nachkriegszeit ausdrücklich als „Schlächter“ bezeichnet, die die Mitverantwortung für Massenerschießungen trugen.

Die am 29.11.06 veröffentlichte „Gegenrede“ von Hans-Dieter Arntz, dem Autor eines Standardwerks zum Thema „Ordensburg Vogelsang“, zeichnet dann endgültig ein anderes Bild (siehe auch www.hans-dieter-arntz.de):

Seit einiger Zeit besteht die Gefahr, dass effekthaschende Artikel der Eifler Regionalpresse und kommunale Ignoranz den Aspekt des verbrecherischen Nationalsozialismus unbewusst in den Vordergrund stellen. […]

Zurzeit kumuliert die Erkenntnis, dass ein zurückgeholtes Archiv angeblich belegt, dass fast alle ehemaligen Junker nachweisbar Mörder und Kriegsverbrecher gewesen wären! Da solche Zeitungsberichte offenbar unkontrolliert nicht nur im ländlichen Bereich der Eifel, sondern nachweisbar auch durch Presseagenturen multipliziert werden, könnte die Gefahr eines neonazistischen Protestes bestehen. Und das leider mit Recht!!

Die Verantwortlichen des ehemaligen Archivs distanzieren sich mit Recht von den Aussagen dieser Pressemeldungen. Ein belgisches Ministerium teilte mir inzwischen telefonisch mit, dass es gar nicht gestattet sei, ohne ministerielle Genehmigung NS-Akten auszuhändigen, und dass dies natürlich auch nicht geschehen sei!

Mir geht es hier nur am Rande um die Frage, ob und in welchem Umfang Ordensburg-Absolventen in die NS-Verbrechen in Osteuropa verwickelt waren. Wenn ich mir die Ausführungen von Hans-Dieter Arntz durchlese, dürfte es ohnehin schwierig werden, einen solchen Zusammenhang aus dem auftauchten „Archiv“ abzuleiten oder gar zu belegen. Andererseits wäre es sicherlich mehr als nachvollziehbar, wenn die Indoktrination der „Schüler“ im Rahmen des Ordensburg-Besuchs solche Auswüchse gefördert hätte.

Deutlich ärgerlicher finde ich jedoch die journalistischen Nachwirkungen – und die offenbar sehr unterschiedliche Wiedergabe der gleichen Quelle. Nun war ich bei der Pressekonferenz nicht dabei, aber es wundert mich doch sehr, dass an einer Stelle von „fünf Prozent“ der Absolventen die Rede ist (bei etwa 1.500 Absolventen wären dies etwa 75 Personen), an anderer Stelle aber davon gesprochen wird, dass „fast alle Junker“ an Massenmorden beteiligt gewesen seien.

Im Jahr 2006 haben etwa 140.000 Besucher die Gelegenheit genutzt, erstmals einen Blick auf die düstere Immobilie zu werfen (siehe auch www.aachener-zeitung.de[2]). Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass durch die eingangs zitierten Medienberichte nicht künftig verstärkt die „falschen“ Personengruppen angezogen werden …

3 thoughts on “Ordensburg Vogelsang: Mediale Wirrungen um den „Täterort“

  1. Michael Schröders

    Zum sog. „Archiv Vogelsang“

    Als an der Konversion Vogelsangs beteiligter Historiker und Eifeler kann ich die Aussage nicht ohne Widerspruch lassen, wonach laut GA ein angebliches „Archiv Vogelsang“ in Schleiden beweise, dass „offenbar fast alle der etwa 800 in Vogelsang ausgebildeten Junker später an Massenverbrechen beteiligt“ gewesen seien. Diese Aussage, die aus interessierten, journalistischen und politischen Kreisen in Schleiden als dpa-Pressemeldung vom 24. November 2006 lanciert wurde, lässt einen verantwortungsbewußten Umgang mit dieser Geschichte vielmehr vollkommen vermissen:

    1. Bei dem sog. „Archiv“ handelt es sich um auszugsweise Kopien von Akten aus dem Bundesarchiv, die belgische Soldaten Anfang bis Mitte der achtziger Jahre haben anfertigen lassen, wobei deren Recherchen sehr viele Bestände z.B. im Bundesarchiv, im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, im Militärarchiv Freiburg oder im Staatsarchiv Münster nicht betrafen; ich bin dabei, diese Archivalien vollständig zu verzeichnen und habe in den benutzerblättern diverser Akten der benannten Archive zwar Nam,en belgischer Militärs, jedoch nicht diejenigen von Hans-Dieter Arntz oder Rolf Sawinski noch gar F.A. Heinen gefunden. Die Auswahl der Quellen ist also höchst lückenhaft, subjektiv und kontextlos. Die mir zum Teil daraus vorliegenden Kopien, die aus dem Überlieferungskontext herausgelöst und von dem Euskirchener Lehrer Hans-Dieter Arntz (Die Ordensburg Vogelsang, 1986 u.ö.) und dem an der Konversion politisch interessierten Journalisten und Autor F.A. Heinen mit falschen Archivsignaturen genutzt bzw. zitiert wurden, enthalten zwar auch Namenslisten sowie eine Unzahl von Presseartikeln jeweils in Kopie, sind jedoch aufgrund der falschen Signaturen nicht wissenschaftlich überprüfbar und erlauben, da es sich lediglich um Namenslisten handelt, keine Aussage zu Lebensläufen von „Junkern“ während des Krieges. Das angebliche „Archiv Vogelsang“ kann insgesamt, da es sich nicht um überprüfbare Originale mit einer nachgewiesenen Provenienz handelt, diesen Namen nicht beanspruchen. Vielmehr handelt es sich um eine private Sammlung von Akten- und Zeitungskopien ohne wissenschaftlichen Wert.

    2. Dass „Junker“ in der Verwaltung der besetzten Gebiete in der UdSSR eingesetzt waren, ist seit David Schönbaum (Die braune Revolution, 1969) oder Bernhard Chiari (Alltag hinter der Front, 1998) nichts Neues mehr. Laut den von Andreas Zellhuber („Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu“, 2006, S. 172f.) genutzten Personallisten des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete waren allerdings Anfang 1942 lediglich 36 ehemalige Ordensburgen-Angehörige in den besetzten Gebieten als Verwaltungspersonal tätig, davon nur 8 „Junker“. Wie man auf der Basis dieser Zahlen die Aussage verifizieren will, „fast alle Junker“ seien „an der Ermordung tausender Menschen beteiligt gewesen“, ist ein Rätsel und lässt lediglich erkennen, dass in journalistischen Kreisen Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit lediglich auszugsweise und aus aktuellem politischem Interesse zur Kenntnis genommen werden und eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den Ordensburgen und ihrer Ausbildung zu politischen Leitern einschließlich von deren Wirkungen aussteht.

    3. Diese Ausbildung wie der zitierte Vogelsang-Referent lediglich an der Hitlerschen Ankündigungsrhetorik aus „Mein Kampf“ zu belegen, ohne nach tatsächlichen Inhalten auf der Basis zugänglicher Quellen mit Vorträgen, Publikationen und Lehrgangsplanungen noch nach einem Selbstverständnis der „Junker“ und ihrer Ausbilder zu fragen, zeugt darüber hinaus von einer auch in der bisherigen Literatur zu Vogelsang vorherrschenden, laienhaften Auseinandersetzung mit diesem hochkomplexen Thema. Dass diese rund um Vogelsang grassierende Unprofessionalität interessierter Laien dem avisierten Dokumentationszentrum nicht gerecht wird, ergibt sich bereits aus der Tatsache, dass die Konversion nicht ohne öffentliche Mittel zu realisieren ist und sich in der mit wissenschaftlichen Ansprüchen auftretenden bundesdeutschen Gedenkstätten- und Dokumentationslandschaft erst noch behaupten muss. Die vom General-Anzeiger ohne Nachprüfung zitierte Meldung zum sogenannten „Archiv Vogelsang“ entpuppt sich in diesem Kontext also als höchst schädlicher Bumerang für die gesamte Konversion.

    Michael Schröders, Bonn

  2. Tomasz Butkiewicz

    Tomasz Butkiewicz, Historiker (Warschau)

    Zurzeit forsche ich an dem Thema „Nationalpolitische Erziehungsanstalten NPEA (Napola) und Adolf Hitler Schulen – die Vorstufe der Ordensburgen“. Als Pole suche ich Kontakte zu ehemaligen Schülern und Junker. Nach meinen Recherchen, die ich im Mai 2006 begonnen hatte, habe ich einen Überblick (durch Kontakte mit 70 NPEA Schülern) mit unterschiedlichen Meinungen. Eines ist mir klar geworden, nicht alle Napolaner kann man in eine Linie stellen, und nicht alle Napolaner wollten, oder wurden SS Soldaten (z. B. sind 1941 aus 100% der Absolventen nur 8% zur SS gegangen, davon 92% Wehrmacht, Marine und Luftwaffe). Jede Schule (ab 1933 bis 1945 waren es insgesamt 37 im Dritten Reich – siehe Prof. H. Scholtz, NS-Ausleseschulen, 1973) hatte ihren individuellen Charakter durch die Leitung eines jeden einzelnen Anstaltsleiter. Die AHS Schüler waren in 12 Zügen in den Ordensburgen stationiert, und durch meine Anfrage habe ich die gleichen Erfahrungen gemacht wie bei den NPEA Schülern. Bei allen Gesprächen, die ich durchgeführt hatte, habe ich erfahren, dass die Schüler durch ihre Ausbildung, Illusionen verkannt hatten, die Gefahr, die der Nationalsozialismus brachte. Als Kinder-Krieger hat man nicht viel Ahnung von der Wirklichkeit des echten Krieges. Als der Wahn vorbei war, brach ihnen die gesamte Welt unter den Füßen und auf dem Horizont zeigte sich die traurige und bittere Wahrheit.
    Obwohl ich noch kaum Kontakt zu den Ordensburgern aufgenommen hatte, würde ich sagen, dass die Junker von Crösensee und Vogelsang als Reichschülern der NSDAP (Ley Vorstellung) im Vergleich zu den Junker Schulen von Bad Töltz und Braunschweig (Himmler Vorstellung), mit ihrer NS Edukation viel kürzere Tradition hatten. Man soll auch nicht vergessen, dass die Ordensburger Ausbildung vier Jahre dauern soll und davon ab 1937 bis 1939 nur zwei Jahre absolviert worden sind. Die AHS und Ordensburgen (als Reichsparteischulen) entstanden analogisch zur NPEA und SS-Junkerschulen. Davon lässt sich feststellen, dass die politische Konkurrenz zwischen Ley, Rust und Himmler groß war. Jeder hatte seine Idee und jeder wollte sie verwirklichen.
    Mit meinen jetzigen Recherchen über NPEA, AHS und Ordensburgen kann ich schon feststellen, dass es keine Bildungsorte von Tötungsmaschinen waren. Man hat dort gelernt, einen Krieg zur führen, aber das Töten brachte die Erfahrung an der Front. Man kann psychologisch beweisen, dass jeder Mensch (in einer extremen Situation) bereit ist, seinen jägerischen Trieb (Freud und Fromm) ohne Hemmungen über den anderen auslöste. So sind wir Menschen konstruiert.

    Tomasz Butkiewicz, Warschau

  3. Hans-Dieter Arntz

    Hans-Dieter Arntz (Kommentar)
    Sozialwissenschaftler und Buchautor, Euskirchen

    In meinem stark beachteten online-Artikel unter der Überschrift „NS-Ordensburg Vogelsang: Irritationen um Aufarbeitung der Geschichte“ vom 29.11.06 (vgl. http://www.hans-dieter-arntz.de/vogelsang_irritationen.html) konnte ich sehr schnell dem Gerücht entgegentreten, ein „geheimes NS-Archiv der Burg Vogelsang“ wäre gefunden worden. Auch die Schlussfolgerung der Eifel-Presse, hier wäre in der Zeit von 1936-1939 ein „Täterort“ gewesen, an dem „Junker“ und „Stammpersonal“ zu „Massenmördern“ erzogen worden wären, stellte sich bald als falsch heraus.
    Die vielseitigen Reaktionen auf den o. a. Beitrag sind aufschlussreich und in Kurzform in meinen News vom 28.1.07 nachzulesen (http://www.hans-dieter-arntz.de/news.html). Sie müssten eigentlich in absehbarer Zeit auch noch ausgewertet werden.
    Fassen wir noch einmal zusammen. Es ging um: 1. „Geheimes NS-Archiv“ und 2. „Täterort Vogelsang.“ Obwohl sich inzwischen alle einig sind, dass die diesbezüglichen Pressemeldungen und Schlussfolgerungen falsch waren, möchte ich als Initiator der Diskussion noch einige Anmerkungen machen.

    1. Im Laufe der langen Gespräche mit dem polnischen Wissenschaftler Tomasz Butkiewicz aus Warschau (Vgl. Kommentar Nr.2) stellte sich schnell heraus, dass wir grundsätzlich derselben Meinung sind: „Es gibt keine Bildungsorte für Tötungsmaschinen“! Das gilt auch für die Adolf-Hitler-Schulen, Napolas, SS-Junkerschulen oder die 2 Ordensburgen Vogelsang und Krössinsee. Jedoch können familiale Wertevermittlung im Verlaufe der Sozialisation sowie pädagogische Methodik und Didaktik bei einigen Menschen zu einem pervertierten Idealismus führen, der bei religiöser oder politischer Indoktrination – besonders in autokratischen Systemen– zu deviantem Verhalten führt. Die Tatsache, dass kein „Junker“ länger als etwa 10 bis 11 Monate auf der Ordensburg Vogelsang verweilte, führt die Behauptung ad absurdum, dass die angebliche „Mitte eines Spinnennetzes“ , so meinte sich der Journalist äußern zu müssen, ein „Täterort“ gewesen sei. In solch kurzer Zeit kann kaum ein erwachsener Mann, im Alter von 23-26 Jahren und mit Berufsausbildung, zum Massenmörder des Holocaust ausgerichtet werden. Dasselbe gilt auch, wenn er zusätzlich noch einen 11-Monate-Kurs in Krössinsee absolviert hat. Weiteres wird im Kommentar Nr.2 vom 3.2.07 durch den Warschauer Historiker Tomasz Butkiewicz begründet.

    2. Mit meinem Buch „Ordensburg Vogelsang 1934-1945 – Erziehung zur politischen Führung im Dritten Reich“ hatte ich im Jahre 1986 als einer der Ersten die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang thematisiert und natürlich auch deren potenzielle Auswirkung im Dritten Reich. Vor 20 Jahren war es problematischer als heute, Akten -und Archivmaterial zu finden und zu werten. Dennoch fand ich in DDR-Archiven erstmals einen Hinweis auf einen angeblichen Bezug zwischen der Ordensburg Vogelsang und Massenmord. In der Zeit 1959/60 polemisierte dort die kommunistisch-sozialistische Wissenschaft und Politik gegen den bundesdeutschen Vertriebenenminister Theodor Oberländer, der angeblich an einem Massenmord in Lwow beteiligt war und seine „Richtlinien hierfür wenige Tage vor den Erschießungen auf der Ordensburg Vogelsang“ empfangen habe. Diese auch in einem DDR-Dokumentarfilm aufgestellte Behauptung stellte sich später als unwahr heraus. Die zurzeit geführte Diskussion um die Ordensburg Vogelsang als „Täterort“ hat wohl in dieser Zeit ihre Wurzel und sollte jetzt im Jahre 2007 abgeschlossen werden – es sei denn, aussagekräftige Dokumente und ein wissenschaftlicher Nachweis werden erbracht.
    Hinweise und Anregungen zu dieser Problematik habe ich persönlich in einigen Radio- und Fernsehinterviews gegeben. Am 8. Juni 1986 bereits gab ich dem Journalisten Rudi Karp hierüber Auskunft (WDR 3, Aktuelle Stunde). Weitere Aussagen machte ich 2003 in der Fernsehdokumentation „Hitlers Ordensburgen“ von Peter Prestel und Rudolf Sporrer, die 2004 in mehreren ARD-Sendungen ausgestrahlt wurde. Hier berichtete ich über die Funktion eines Gebietskommissars in der Ukraine. Ich erwähne das nur, um diese angeblich „erstmals entdeckten Problematik“ temporär einzuordnen.

    3. Nach meinem o. a. online-Artikel vom 29.11.2006 vermieden es Presse und Presseagenturen ostentativ, erneut den Hinweis auf das ominöse NS-Archiv aufzugreifen. Offenbar hatte man sich bei den Verantwortlichen erkundigt und dabei erfahren, dass die Belgier keineswegs geheime Nazi-Unterlagen oder bisher unbekanntes Material ausgehändigt hatten. Selbst die Eifel-Presse wiederholte diese falsche Behauptung eines übereifrigen Reporters nicht mehr. Nur eine Fernsehsendung, an der ich persönlich aus Zeitgründen nicht teilnehmen konnte, griff die Forderung nach dem notwendigen Dokumentationszentrum Vogelsang am 17.1.07 noch einmal kurz auf.

    Im Kommentar Nr. 1 vom 3. Februar 2007 äußerte sich auch Michael Schröders zu den „medialen Wirrungen um den Täterort“. Als Historiker ist er an der Konversion der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang beteiligt und verzeichnet zurzeit in einigen Archiven das Aktenmaterial, das dort seit Jahrzehnten lagert– teilweise unberührt bis zum jetzigen Zeitpunkt. Als Fachmann sollte er natürlich wissen, dass kritisierte Kollegen nicht immer persönlich in Archiven sitzen müssen und vorher die Benutzerblätter der Präsenzlisten signieren. In meinem Fall zum Beispiel waren dankenswerterweise Mitarbeiter gelegentlich bereit, Quellen zu sichten und kopieren zu lassen. Und selbstverständlich habe ich mich in meinem Buch „Ordensburg Vogelsang 1934-1945“ redlich um eine genaue Quellenangabe bemüht. Diesbezüglich gab es auch im Juni 2006 vom Institut für Zeitgeschichte in München keine Kritik.

    Nach der wochenlangen Zurückhaltung der Medien fand nun Michael Schröders im General- Anzeiger einen Bericht, der ihn zu seinem o. a. Kommentar motiviert zu haben schien. Wegen seiner unvollständigen Quellenangabe soll nachgetragen werden, dass es sich hier um einen ganzseitigen Bericht von Rainer Keller handelt, der am 17.1.07 im General-Anzeiger der Bundesstadt Bonn unter der reißerischen Überschrift „Hier wurden die Täter erschaffen“ publiziert worden war. Das längst abgehakte Thema wurde erneut aufgegriffen.

    Als Sozialwissenschaftler greife ich die Kritik von Michael Schröders auf, dass der von ihm namentlich genannte Eifel-Reporter „einen verantwortungsbewussten Umgang mit dieser Geschichte vollkommen vermissen“ lässt. Tatsächlich ist sein „geheimes NS- Archiv“, das ihm in Form von Fotokopien und als unvollständiger Bestand von „Burgheften überlassen wurde, eine private Sammlung „ohne wissenschaftlichen Wert“ für ihn persönlich.
    Die bisherigen Ergebnisse und Zahlen, die Michael Schröders in seinem Kommentar vorlegt, decken sich mit meinen Forschungsergebnissen. Allerdings sollte sich der Historiker besonders bei dieser Thematik klar sein, dass er zurzeit mit der nüchternen Aufzeichnung der Vogelsang-Archivalien sowie der Registrierung nach Aktenlage noch hinter meinem Archivbestand zurückliegt. Wenn ich ihm in seiner eigenen Argumentation antworten darf, dann kennt er nicht die interessanten Privatarchive ehemaliger Angehöriger der Ordensburgen, die Entnazifizierungsunterlagen und Gerichtsakten der Männer, deren gesamte Biographie nun doch unter der Überschrift „Täter“ aufschlussreich sind und über den Tagesablauf auf Vogelsang Einblick geben. Hierzu gehören auch die wichtigen und sehr aufschlussreichen Unterlagen aus der ehemaligen DDR und den Niederlanden, die ihm nachweislich völlig unbekannt sind. Auch ein investigatives Vorgehen – eventuell in Form der „Oral History“ – sollte für ein künftiges Dokumentationszentrum angebracht sein sollte, zumal die Angehörigen der ehemaligen Vereinigung „Alte-Burger“ aus demografischen Gründen überschaubar wird. Aber dies ist eher für die vollständige Vita der Zeitzeugen und nicht nur für die 10-11monatigen Ausrichtung auf der NS-Ordensburg Vogelsang relevant.

    4. Da ich mich bei meinen Forschungen primär mit der Aufarbeitung des rheinischen Judentums und der Opfer der NS-Verfolgung befasse, habe ich die Behauptung des von Michael Schröders benannten Eifel-Reporters und dessen Argumentation bezüglich „Ordensburg = Holocaust“ mit einem Teil meines Archivs meinen Mitarbeitern in Israel zukommen lassen.
    Sollten nun unsere Erkenntnisse – die von Michael Schröder, Tomasz Butkiewicz und von mir –, mit denen israelischer Archive identisch sein, dann ergäbe sich eine wirklich perverse Feststellung: Juden und rassisch Verfolgte nehmen Ordensburg-Junker vor historischer Unwahrheit in Schutz!!!!!!!

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