Wunschzettel 5: Schluss mit identischem ARD/ZDF-Programm

von Stefan Evertz am 10.09.06 um 13:50 Uhr |

Wenn ich mir was wünschen könnte, dann hätte ich gerne:

Keine „Parallel-Übertragungen“ der Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsender mehr

Denn es will einfach nicht in meinen Kopf, was ich da heute vormittag beim Zappen bestaunen durfte: Warum übertragen ARD, ZDF und Bayern3 parallel den gleichen Papst-Gottesdienst aus München?

Ich kann ja noch nachvollziehen, dass die Übertragung nicht alleine dem Bayrischen Rundfunk überlassen werden sollte, da dieser nicht überall empfangen werden kann. Aber gleich alle drei? Zumindest bei den Sportveranstaltungen bekommt man bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eine „Aufteilung“ hin – wenn auch gelegentlich mit kleineren Aussetzern (siehe auch „ARD: Tour Interruptus„).

Eine verantwortungsvoller Einsatz der GEZ-Einnahmen sieht jedenfalls meiner Meinung nach anders aus – von der mangelnden Vielfalt im Fernsehprogramm ganz zu schweigen 👿

Bei diesem speziellen Anlass (Papstbesuch in Bayern) kommt sogar noch der durchaus spannende Aspekt der Religionszugehörigkeit hinzu: Laut www.destatis.de sind etwa 31% (ca. 26 Mio.) der deutschen Bevölkerung Mitglied der katholischen Kirche. Strenggenommen ist also der Besuch des Papstes für (mindestens) 70% der Bevölkerung ohne eine tiefere Bedeutung. Da dürfte es schwer fallen, die gesellschaftliche Bedeutung der Visite so zu interpretieren, dass gleich beide großen Sender übertragen müssen…

Und die Feststellung der Sender, dass der Papst zu Besuch „in Bayern“ und nicht „in Deutschland“ ist, lasse ich mal unkommentiert im Raum stehen 🙄

8 thoughts on “Wunschzettel 5: Schluss mit identischem ARD/ZDF-Programm

  1. Martin Recke

    Das ist schlicht eine Frage der Quoten. Wenn ARD oder ZDF auf eine Übertragung verzichten würden, gingen ihnen Zuschauer verloren. Warum sollten sie das tun? Im Unterschied zu Sportveranstaltungen ist es hier keine Frage der teuren Übertragungsrechte, denn der Vatikan verlangt kein Geld…

  2. Stefan Evertz Beitragsautor

    @Martin Recke: Die Quoten dürften sicherlich ein Argument von ARD & Co. für so einen Unsinn sein. Und ich kann sogar – zumindest aus der Sicht der Sender – verstehen, dass jeder Sender jeweils für sich über die Quoten seine „Daseinsberechtigung“ beweisen will.

    Andererseits gibt es da noch die Perspektive des an die GEZ zahlenden „Kunden“. Und der wird sich eine solche Veranstaltung in aller Regel ansehen, weil es ihn interessiert – und nicht, weil es bei der ARD oder beim ZDF gesendet wird.

    Insofern dürfte die TV-Reichweite bei der Abdeckung durch einen einzelnen Sender kaum kleiner sein als die Summe der Quoten bei einer Abdeckung durch beide Sender. Und der so gerne zitierte „Informationsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen“ wäre bereits mit der Abdeckung durch einen Sender mehr als erfüllt.

    Ich würde dabei insgesamt das Prinzip einer doppelten Berichterstattung – z.B. im Rahmen von Nachrichtensendungen – gar nicht grundsätzlich ablehnen, sondern halte es sogar für wichtig. Bei mehrstündigen Liveübertragungen von Großveranstaltungen greift aber meines Erachtens dieses Prinzip nicht mehr.

    Jede andere staatliche Einrichtung würde jedenfalls meines Erachtens von den entsprechenden Rechnungshöfen in der Luft zerrissen, wenn dort eine solche Redundanz in der Arbeit und bei den „Ergebnissen“ (d.h. dem gesendeten Programm) festgestellt würde…

  3. Martin Recke

    Die öffentlich-rechtlichen Sender sind aber keine staatliche Einrichtung. Allenfalls eine halbstaatliche, aber im Grunde sind sie relativ unabhängig vom Staat und frei in der redaktionellen Entscheidung über ihr Programm.

    Natürlich könnte man sich vorstellen, von solchen Großereignissen im Wechsel zu berichten. Aber nochmal: Für den jeweils nicht berichtenden Sender wäre die Quote signifikant geringer. Diesen Preis wollen sie nicht zahlen. Das ist nicht ganz unverständlich.

    Und so groß ist der zusätzliche Aufwand dann auch wieder nicht. Denn BR und ZDF stellen als Host-Broadcaster ohnehin ihr Signal für die weltweite Übertragung bereit. Warum sollen sie es dann nicht auch selbst verwenden? Es ist ja nicht so, dass es zuwenig Fernsehsender und damit Programmalternativen geben würde.

    Wären Fußball-Länderspiele frei verfügbar, dann gäbe es mit Sicherheit mehrere Sender, die parallel und live berichten würden – eben der Quoten wegen. Ähnliches wäre für die Bundesliga zu erwarten. Und da würden natürlich die kommerziellen Sender in der ersten Reihe stehen.

  4. Stefan Evertz Beitragsautor

    In der Frage der „Staatlichkeit“ habe ich in der Tat dem wohl anstehenden Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof vorgegriffen (siehe auch http://www.dwdl.de). Ich bezweifle allerdings in jeden Fall, dass es bei den Öffentlich-Rechtlichen in Sachen Struktur und (mangelnder) Flexibilität nennenswerte Unterschiede zu einer staatlichen Einrichtung gibt. Aber das ist wohl ein ganz anderes Thema…

    Spannender finde ich hier den Aspekt der „Programmalternativen“. Die gibt es zwar definitiv. Allerdings würde das dem Anspruch der im Rundfunkstaatsvertrag genannten „Vielfalt“ widersprechen, da diese meines Erachtens bereits durch den bzw. die öffentlich-rechtlichen Sender bereitgestellt werden soll – und nicht durch die anderen (privaten) Sender.

    Möglicherweise greift hier ausnahmsweise der Vergleich zu den Paketen im Pay-TV. Die Kunden haben mehrere Pakete „gebucht“ (Sport, Comedy, Dokumentation, etc.), finden aber plötzlich auf allen Kanälen das gleiche Programm vor. Ich bin mir sicher, dass das zu einer verstärkten Auslastung der Call Center führen würde…

    Die Sicht der einzelnen Sender kann ich wie gesagt verstehen – und man wird dort sicher auch solche Übertragungen nicht als redundant ansehen. Aus meiner Perspektive als zahlender Kunde des öffentlich-rechtlichen Medien-Gesamtpakets (inkl. ARD & ZDF) ist es aber genau das: Redundant und überflüssig…

  5. Martin Recke

    Staatlich ist eine Einrichtung, die allein aus Steuergeldern finanziert wird. Das sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht und werden es vermutlich auch nie sein.

    Das Vielfalts-Argument zieht hier ebenfalls nicht. Vielfalt bezog sich noch nie auf bestimmte Tageszeiten. Das Ziel galt auch schon, als es nur ein Fernsehprogramm gab – die ARD.

    Naja, und dass der Pay-TV-Vergleich hinkt, hast Du ja selbst bemerkt. 🙂

    Nein, es ist schon klar, dass eine Menge gegen mehr oder weniger identische Doppelübertragungen spricht. Das haben ja auch die Sender selbst bemerkt. Nur gelöst haben sie das Problem noch nicht.

  6. Stefan Evertz Beitragsautor

    Die Rechtslage scheint jedenfalls derzeit eher zu Gunsten der Öffentlich-Rechtlichen zu tendieren – sonst hätte wahrscheinlich schon irgendein entnervter Anwalt den Marsch durch die Instanzen angetreten.

    Insgesamt spricht aber eben einiges gegen Doppelübertragungen. Und ich bin skeptisch, ob die Sender dies wirklich als Problem wahrnehmen…

  7. Martin Recke

    Doch, das tun sie. Es gab auch schon diverse Sitzungen deswegen und sogar Vereinbarungen – die dann allerdings meist doch nicht eingehalten wurden.

    Ähnlich sieht das ja bei Hochzeiten und anderen Festivitäten europäischer Adelshäuser aus. Das Problem ist nur: Solche Ereignisse lassen sich meist nicht gut aufteilen. Eine Prinzessin heiratet im Normalfall nur einmal. Und keiner möchte der Quotenverlierer sein…

  8. Stefan Evertz Beitragsautor

    Danke für den Hinweis auf die Sitzungen. Ich hätte mit solchen Abstimmungsversuchen und -vereinbarungen nicht gerechnet…

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