Wirbel um Bloxbox (Update)

von Stefan Evertz am 23.02.06 um 10:05 Uhr |

Immer mehr Blogger finden offenbar in ihrem Postfach eine E-Mail von Sandra Lehmann, einer Mitarbeiterin von Bloxbox(dot)net:

Wir teilen Ihnen mit, dass wir Ihr Blog in den Katalog der Blog-Plattform BloxBox aufgenommen haben.
Falls Sie den Beschreibungstext zu Ihrem Blog nicht passend finden, können Sie uns per eMail einen Änderungsvorschlag schicken.
Wir sind interessiert, Ihr Blog als Newsfeed unter Blox24 abzubilden, wenn Sie damit nicht einverstanden sind, melden Sie uns dies bitte.
Es würde uns freuen, wenn Sie unseren Buttonauf Ihrer Seite platzieren würden, Sie finden ihn hier unter: …

Wenn Sie immer aktuell im BloxBox-Katalog präsent sein wollen, melden Sie uns bitte relevante Änderungen, wie z.B. Wechsel der Internetadresse oder des Blognamens usw.

Die Reaktionen auf diese E-Mails sind überwiegend negativ – wobei ich mich hier frage, ob diese E-Mails an sich nicht schon in die Kategorie „Spam“ gehören…

Don Alphonso reagierte bereits vor knapp zwei Wochen mit dem Artikel „Schweizer Spam, auf Deutsch übersetzt“ (www.blogbar.de[1]):

Sollten Sie Änderungen am beschreibenden Text wünschen, senden Sie uns bitte eine eMail mit Ihrem Änderungsvorschlag.
Wir wissen natürlich, dass es eine ganz miese Nummer ist, einfach Leute für eine Firma einzuspannen, die einen Reibach zu machen versucht. Deshalb labern wir Dich voll, uns eine Art Einverständnis zu schicken – dann kann uns hoffentlich auch niemand unseren Contentklauer-Arsch wegklagen.
Wir sind interessiert, Ihr Blog als Newsfeed unter Blox24 abzubilden, wenn Sie damit nicht einverstanden sind, melden Sie uns dies bitte.
Hoffentlich bist Du so faul, das nicht zu tun, oder hast diese Spammail einfach gelöscht, dann ist das für uns supi, denn dann machen wir, was wir wollen.

Er legte dann gestern unter dem Titel „Das Urheberrecht, Bloxbox, Mario Aldrovandi und sein Verhältnis zur Wahrheit“ noch einmal nach (www.blogbar.de[2]):

Bloxbox ignoriert unter der faulen Ausrede auf nicht erteilte CC-Lizenzen also nachweislich die Regelungen der Urheberrechts und die Auflagen derer, die die Texte geschrieben und über RSS syndiziert haben. Bloxbox nimmt über RSS automatisiert alles, was ihnen gefällt, und jeden, der der Spammail nicht ausdrücklich widerspricht. Mit dem Zitatrecht hat das definitiv nichts zu tun, eigene Inhalte, die die Texte der Blogger zitieren, fehlen. Mario Aldrovandi weiss vermutlich, dass derartige Anfragen und Übernahmen ihm bei Spiegel, Stern und FAZ ganz schnell Ärger mit den dortigen Rechtsabteilungen verschaffen würden.

Thomas Knüwer reagierte prompt unter dem Titel „Warnung vor Bloxbox“ (blog.handelsblatt.de/indiskretion):

Dies ist, wie auch in der Blogbar schon heftigst erwähnt, eine absolute Unverschämtheit. Ebenso die Unverfrorenheit, mit der Bloxbox-Macher Mario Aldrovandi behauptet, er könne keine Copyright-Verletzung erkennen.
Würde Bloxbox ein Erfolg, wären die Folgen für die Weblog-Szene absehbar. Für viele Autoren sind Kommentare und Klickzahlen die Motivation, zu schreiben. Wer aber die kompletten Beiträge bei Bloxbox sieht, bekommt keine Besucher mehr.
[…]
Vielleicht aber ist dem einen oder anderen das Vorgehen der Bloxbox ja ganz recht. Immerhin könnten sie auf die Idee kommen, Herrn Aldrovandi eine Rechnung zu schicken. Mit herzlichem Dank für den Ankauf der Inhalte. Genau das wird unsere Rechtsabteilung auch tun, sollten Handelsblatt-Weblogs weiter bei Bloxbox auftauchen.

Thomas Klotz schreibt unter www.ra-blog.de:

Vielleicht wird sich der eine oder andere wundern, dort seine Beiträge in voller Länge wiederzufinden.
Ich habe die bewusste E-Mail, mit der das angekündigt wurde, sogar noch finden können. Allerdings hatte ich mir das Lesen weitgehend gespart, da ich von BloxBox noch nie gehört hatte. Das spielt aber für die Urheberrechtsverletzung keine Rolle, da mein Feed, wie aus der E-Mail hervorgeht, schon vor dieser Mitteilung bei BloxBox “aufgenommen” war.

www.industrial-technology-and-witchcraft.de veröffentlicht eine (Absage-)E-Mail:

entfernen Sie umgehend unsere Weblogs Industrial Technology & Witchcraft sowie Mac Essentials aus Ihrer Liste. Beide Angebote sind urheberrechtlich geschützt, ihre Inhalte dürfen nicht ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung verwertet werden. Eine solche Genehmigung liegt Ihnen nicht vor.

Entfernen Sie alle Links und Hinweise auf die oben genannten Websites aus Ihrem Angebot bis zum 23. Februar, 9.00 Uhr. Sollten die Inhalte oder RSS-Feeds danach noch vorhanden sein, werden wir Ihnen den Ankauf der Texte in Rechnung stellen. Unabhängig davon werden wir und viele andere Weblogs diesen Vorgang beobachten und veröffentlichen.

Interessant fand ich noch die Überlegungen unter blog.faris.de, die auch das Problem des „Duplicate Content“ streifen, das fatale Folgen für das Google-Ranking haben kann.

Es gibt aber auch positive Reaktionen:

Bernd Röthlingshöfer sieht weniger die mögliche Rechtsverletzung als die Idee des Blogportals im Vordergrund (berndroethlingshoefer.typepad.com):

Ist das nun Contentklau? Nein. Denn schließlich werden die Quellen genannt und verlinkt. Die Blogosphäre lebt davon, das man sich gegenseitig zitiert und aufeinander verweist. Und so gut umgesetzt wie BloxBox hat die Idee eines Blogportals, wie ich finde, noch keiner.

Auch Sven Lennartz möchte unter www.drweb.de/weblog die Wogen etwas glätten:

Eine weiterer Grund besteht in dem unglücklichen Umstand, dass einige Feeds komplette Postings und Artikel enthalten, die von BloxBox auch so verwendet werden. Das hätte man besser nicht tun sollen. Auch weil es die Übersicht und Ladezeit beeinträchtigt. Es genügt sich auf einige Zeilen zu beschränken. Daran hätte man vorher denken können und so Ärger vermieden.

Es ist schade, wenn Ideen und Projekte schon im Ansatz mit Juristereien erschlagen werden. Der Dienst kann durchaus nützlich sein. Und für den Anfang darf man den einen oder anderen Fehler wohl verzeihen. Gebt dem Mann Tipps, aber seid nicht immer so empfindlich Blogger! In den USA bekäme ein solches Projekt das Etikett Web 2.0 aufgedrückt, würde eine bisschen gestreichelt werden, und hätte möglicherweise sogar eine Zukunft.

Besagte E-Mail habe ich ebenfalls bekommen. Nach längerer Überlegung habe ich nun unsere Zustimmung zur Einbindung der hier verfügbaren RSS-Feeds verweigert. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass man bei Bloxbox nun (ohne eine entsprechende Zustimmung) keine vollständigen Artikel mehr anzeigen will. Neben dem etwas ungelenken „Erstkontakt“ war hier vor allem meine zunehmende Beobachtung ausschlaggebend, dass (z.B. bei Technorati) erste Fundstellen zu meinem (und anderen Blogs) auftauchten, die die bloxbox-Domain enthielten…

Letztendlich ist es aber eigentlich schade: Die Idee hinter diesem deutschen Blogportal fand ich nicht uninteressant, auch wenn die Seiten mit Firefox etwas eigenwillig aussehen. Einen schlechteren Start für ein solches Projekt kann man sich jedenfalls nicht vorstellen…

Update 04.03.06, 08:31 Uhr:
Wegen akuten „Blogstaus“ möchte ich nun einige Fundstellen zum Thema nachreichen, wobei ich auch zu einem Blick in die spannenden Diskussionen in den Kommentaren raten würde.

Ein bschädigter „Ruf“ wird z.B. unter www.bernergazette.ch bescheinigt:

Bloxbox ist ein RSS-gefüttertes Portal für deutschsprachige Weblogs, oder wills werden; dummerweise hat Aldovandi anfangs vergessen, an Copyrights zu denken, und viele Blog-Beiträge vollständig auf seine Site genommen. Dann scheint er noch recht aufdringlich um Verlinkung auf seine Site gebeten zu haben, und hin ist der Ruf: Don Alphonso, RA-Blog, Handelsblatt-Blog drohen mit allen zur Verfügung stehenden Rechtsabteilungen. Da nützt es nichts, dass Bloxbox inzwischen keine Volltexte mehr postet, sondern „nur“ die ersten 490 Zeichen Anrisstext.

Ähnlich kritisch wird die Angelegenheit auch unter www.rss-blogger.de bewertet:

Dass sich aber Bloxbox mehr als ungeschickt anstellt, kann man wirklich nicht anders sehen. Knüwers „Indiskretion“ erscheint noch nicht mal bei technorati oder feedster (zumindest hab ich es dort nicht gefunden) und das deutet doch darauf hin, dass zumindest dort das Impressum gelesen worden ist oder schon eine entsprechende Entfernung statt gefunden hat. Denn wo liegt der Unterschied zwischen technorati und bloxbox? Beide wollen damit Geld verdienen. Und damit sollten auch beide ihre Pflichten wahrnehmen und einen RSS-Feed nicht als Einladung betrachten ohne die rechtliche Seite ins Auge zu fassen.

bloggingtom.ch versucht, die Wogen – mit stimmigen Argumenten – etwas zu glätten:

Aber was ist los? Da schreibt euch ein Betreiber eines Aggregators, dass euer Feed aufgenommen und die Artikel nun auch dort zu lesen sind. OK, dass die Artikel auf Bloxbox im Volltext verfügbar waren, mag nicht ganz geschickt gewesen sein, zugegeben. Aber wie man sieht, ist Mario’s Bloxbox durchaus fähig, auf Kritik zu reagieren, denn die Vollfeeds sind passe. Warum also das (vor allem) in Deutschland leider übliche Gehabe, gleich mit der “Rechnungs- und Abmahnkeule” zu drohen? Wäre es nicht sinnvoller, zuerst einmal miteinander zu reden, anstatt dass alle gleich loshauen?

Ja, es gibt durchaus Punkte über die man sich uneinig sein kann: Beispielsweise, ob es erlaubt ist, einen Feed im Volltext in einen Aggregator zu integrieren. Oder ob das Tun im einen oder anderen Falle gegen Copyrights verstösst. Ja das kann man diskutieren, aber niemand scheint auf die einfache Idee gekommen zu sein, ganz einfach per Mail, Telefon oder Brief mitzuteilen, dass er seinen Feed nicht im Aggregator haben möchte.

Übrigens hätte ich gerne die Reaktion der Blogger gesehen, hätte Bloxbox nicht per Mail mitgeteilt, dass der Feed in den Aggregator aufgenommen wurde. Schreibt Bloxbox ein Mail, dann wird es als Spam bezeichnet, hätte er keins geschrieben, dann wäre das Geschrei wohl noch grösser gewesen.

Robert Basic steigt unter www.basicthinking.de/blog kurz auf den „nationalen Aspekt“ ein, um dann aber auch etwas mehr „Entspannung“ zu empfehlen…

Ob das nun die typischen Durchschnitts-Repräsentaten der deutschen Blogosphere sind, um aufs ganze Bloggerdeutschland abzuleiten, sei mal dahingestellt. Ich bezweifle auch stark, ob es was bringt, überhaupt auf eine vermeintliche, nationale Eigenheit hinzuweisen. Ich persönlich sehe diese nicht.
[…]
Sie haben halt keine Meinung oder eine Meinung, nur Bloxbox ist ihnen schlichtweg egal. Wozu also die Schreibmühen auf sich nehmen, ob nun damit einer Kohle macht oder nicht? Ich selbst wüßte nicht einmal, ob ich hintertelefonieren würde, wenn einer meinen Blogkrimskrams oder gar das Design 1:1 übernimmt. Aber me is me. Eventuell irgendwann doch, da ich höchstens Angst vor Google wegen doppeltem Content (böse… gibt die Rote Karte) hätte.
[…]
Mein guter Rat an alle Contentbetreiber dieses Typs: Indiziert so gut ihr könnt, so tief ihr könnt, macht nicht viel Wind, fragt auch niemanden, denn die einzigste Sprache die jeder versteht, ist letztlich Traffic und Linkpopularität (Technorati hat böse gesagt sehr schöne Blog-Slut-Elemente eingebaut, um Glücksbärchen-Wohlsein zu verbreiten). Gibt dem Blogger Traffic und alle sind glücklich.

Und eine abschließende Bewertung gibt es unter www.jphintze.de:

Unter dem Strich bleibt der peinliche Eindruck, dass die Herrschaften – insbesondere die Hofnarren des Paten – nicht ganz im Web 2.0 angekommen sind und so gut wie nichts; aber auch gar nix; verstanden haben: Selbstverständlich ist die RSS-Technik dazu da, entsprechende Inhalte für eine Publikation zur Verfügung zu stellen. Dabei bestimmt der Autor selbst, ob sein RSS-Feed nur eine Zusammenfassung, die Einleitung oder den ganzen Text zur Verfügung stellt. Allerdings sollte der Autor seine RSS-Funktion auch administrieren können!

5 Gedanken zu „Wirbel um Bloxbox (Update)

  1. sum1

    Was soll denn daran Spam sein? Ich finde die Idee hinter Bloxbox gut und diese Mail nur höflich. Andere Dienste bedienen sich einfach ungefragt der RSS-Feeds.

    Bloxbox ist meines Erachtens eine gelungene „Presseschau“ der Blogosphäre.

    Muss ich jetzt Bloglines wegen Urheberrechtsverletzung verklagen weil die meinen „RSS-Feed abbilden“?

  2. Stefan Evertz Artikelautor

    @sum1: Wenn man von Spam als „unverlangte Zusendung von Werbung“ ausgeht, liegt hier zumindest ein Hauch von Spam in der Luft. Und die E-Mail NACH der Einbindung des RSS-Feeds zu senden, ist auch nicht unbedingt die höflichste Form, die Zustimmung einzuholen.

    Wie ich aber oben bereits schrieb, finde ich die Idee hinter Bloxbox durchaus interessant, wenn es auch bereits andere „Presseschau“-Anbieter gibt. Die „Markteinführung“ (so verstehe ich die E-Mails) ist halt einfach etwas missglückt…

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